Philosophie
Das Medium Video ist auf der Bühne im Zusammenspiel mit Oper, Sprechtheater und Tanz sicherlich kein explizit neues Medium mehr, allerdings ein wenig erforschtes, oft verpöntes und vernachlässigtes Bühnenelement, dessen nähere Ergründung, gerade durch seine immer öfter in Anspruch genommen Dienste, äußerst spannend und immer notwendiger erscheint.
Anders als Kostüm, Bühne und Licht, ist Video immer noch ein Medium, mit dem man im Theater nicht unbedingt rechnet, ein Medium, das in seinen Möglichkeiten allerdings viel mehr kann, als nur Kino- und Fernsehkultur zu repräsentieren: es kann als Element gemeinsam mit Bühne und Bühnenspiel etwas Drittes erschaffen, sich aus seiner quadratischen Form gelöst in den Bühnenraum anpassen, fernab von Schnitten, Schwenks und Vorabendserie. Es kann sich durch den richtigen Einsatz und der nötigen Fantasie in der Realisierung des Bildmaterials, problemlos in die lebendige Struktur des Live-Erlebnisses Theater einbinden.
Video auf der Bühne ist kein Film. Es ist den Gesetzen der Bühne unterworfen, nicht denen der Leinwand oder des Fernsehens. Es ist nicht wie im Kino: das Licht geht aus, der Film beginnt - wir befinden uns im Theater: der Vorhang geht auf, die Akteure treten auf. Es ist jeden Abend anders, jeden Abend live - ein Erlebnis für den Zuschauer, den das Video durch seine scheinbare Konserve nicht zerstören darf. Eine sowohl inhaltlich als auch technisch sensible Gratwanderung.
Video ist auf der Bühne ein aktiver und ernst zunehmender Spielpartner. Dies ist sicherlich die wichtigste Erkenntnis, die ein Theaterschaffender in der Arbeit mit Video auf der Bühne beachten sollte.
Es funktioniert wie ein Darsteller, egal ob Tänzer, Sänger oder Schauspieler: wenn ein Darsteller auf die Bühne geht, dann möchte er so gut spielen, singen oder tanzen wie möglich, alles aus seiner Rolle herausholen, was ihr dramaturgisch gegeben ist. Mit dem Video verhält es sich im Grunde nicht anders. Aber auch der beste Sänger darf nur dann singen, wenn es seine Noten vorsehen, nur so laut wie es die Musik erlaubt. Ein Schauspieler darf auf der Bühne nur den Charakter spielen der ihm dramaturgisch gegeben ist und nur dann reden, wenn er dran ist. Ebenso das Video: ein Video, das unter seinen Möglichkeiten bleibt, keinen Rhythmus hat, ist genauso gefährlich wie ein Video, das die Aufmerksamkeit des Zuschauers im falschen Moment von dem ablenkt auf das es ankommt, nämlich dem Bühnenspiel. Video und Bühnenspiel sollten stets im Einklang miteinander, nicht gegeneinander stehen.
Ein gutes Video hat ein künstlerisches Konzept, eine dramaturgische und räumliche Einbindung in den Abend. Ein harmonisches Videokonzept beruht in den meisten Fällen auf einem guten Regie- und Bühnenbildkonzept, welches von vornherein mit dem Medium denkt, atmet und funktioniert. Ohne diese Einbindung wird das Video sehr leicht zu einem aufgestülpten Hut, der nicht zum Rest der Abendgarderobe passt.
Sowohl die inhaltliche Auflösung und Realisierung des Videos, als auch die Einbindung in den Bühnenraum, erfordern ein gewisses Maß an technischem Wissen und Erfahrung. Um dem Video einen Platz im Bühnenraum zu schaffen ist es neben der kreativen Arbeit auch wichtig, die Realisierbarkeit der gedachten Bilder einschätzen zu können, denn allzu oft scheitert der kühnste Gedanke, ärgerlich spät, an der Unmöglichkeit der technischen Umsetzung.
Die Technik um das Medium Video befindet sich in einem ständigen Entwicklungsprozess, vieles ist bereits theoretisch möglich, aber vieles ist durch Zeit und Aufwand praktisch nicht realisierbar. Man sollte nie aus den Augen verlieren, dass das Video auf der Bühne ein Partner bleiben muss, der in der Kürze einer Probenzeit, die größtmögliche Flexibilität behält, um dadurch die Beweglichkeit und Dynamik des Theaters zu bewahren und ihr dienen zu können.